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Der Zöllner und der Pharisäer Wenn wir über die verschiedenen Umstände des Lebens ein wenig nachdenken, sollten wir uns ernsthaft bemühen zu erkennen, worauf wir uns im Leben stützen. Der eine verlässt sich auf seine Stellung, ein anderer auf sein Geld, dieser baut auf sein Ansehen, jener auf seine Vergangenheit und Herkunft oder auf irgendeinen Titel und so weiter ... Das Merkwürdigste ist, dass wir alle, ob reich oder arm, einander benötigen und von anderen leben - auch wenn wir noch so hochmütig und eitel sind. Denken wir einmal einen Augenblick darüber nach, was man uns wegnehmen könnte. Wie wäre unser Schicksal in einer blutigen Revolution? Wo blieben die Grundlagen, auf die wir uns stützen? Wir Armen! Wir halten uns für sehr stark und sind dennoch erschreckend schwach! Das Ich, das in sich selbst die Basis fühlt, auf die wir uns stützen, muss ausgelöscht werden, wenn wir wirklich das wahre Glück anstreben ... Ein derartiges Ich blickt auf andere herab, fühlt sich besser als alle anderen, in allem vollkommener, reicher, intelligenter, im Leben erfahrener und so weiter. In diesem Zusammenhang erscheint das Gleichnis angebracht, das Jesus, der große Kabir, über die zwei betenden Männer erzählt. Er schilderte es Menschen, die sich selbst für gerecht und besser hielten als die anderen. Jesus, der Christus, sagte: „Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel zu beten, einer ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand und betete also: „Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die anderen Leute, die Räuber, Ungerechten, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem was ich habe“. Der Zöllner dagegen stand ferne, wollte auch seine Augen nicht aufheben ‘gen Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: „Herr, sei mir Sünder gnädig“! Ich sage euch: Dieser ging mehr gerechtfertigt in sein Haus hinab vor jenem. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden, und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden“. Solange in uns der Begriff des „Mehr“ existiert, ist es schlicht unmöglich, unsere eigene Nichtigkeit und unser Elend zu erkennen. Einige Beispiele: Ich bin gerechter als dieser, klüger als jener, ich habe mehr Tugenden als der dort, ich bin reicher, zuverlässiger in der Erfüllung meiner Pflichten, ich habe mehr Lebenserfahrung, mehr Keuschheit und so weiter ... Es ist unmöglich, durch ein Nadelöhr zu gehen, solange wir „reich“, solange in uns dieser Komplex des „Mehr“ vorhanden ist. „Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, denn dass ein Reicher ins Reich Gottes komme“. Zu denken, dass meine Schule die beste und die meines Nächsten wertlos sei, dass meine Religion die einzig wahre und dass die anderen falsch und verdorben sind, dass die Frau von XY eine schlechte Gattin und meine dagegen eine Heilige ist, dass mein Freund ein Säufer und ich ein sehr besonnener Mensch bin, der niemals trinkt und so weiter - das ist es, was uns „reich“ fühlen lässt. Daher sind wir alle in Bezug auf die esoterische Arbeit die „Kamele“, von denen die Bibel spricht. Und deshalb ist es dringendst notwendig, dass wir uns von Augenblick zu Augenblick selbst beobachten um genau zu erkennen, auf welche Fundamente wir uns stützen. Entdeckt man, was uns in einem bestimmten Augenblick am meisten beleidigt, was uns an dieser oder jener Angelegenheit stört, dann entdeckt man auch die Grundlagen, worauf man sich psychologisch stützt. Solche Fundamente bilden gemäß dem christlichen Evangelium „den Sand, worauf er sein Haus baute“. Es ist auch nötig genau aufzuschreiben, wie und wann man andere verachtete, wann man sich selbst erhabener fühlte, vielleicht wegen des Titels, der gesellschaftlichen oder sozialen Stellung, der erworbenen Erfahrung, wegen des Geldes und so weiter. Es ist gravierend, sich reich oder aus diesem oder jenem Grund anderen Menschen überlegen zu fühlen. Niemals werden solche Menschen in das Reich Gottes eintreten. Sehr positiv ist die Entdeckung, warum wir uns geschmeichelt fühlten, wodurch unsere Eitelkeit befriedigt wird, damit wir uns der Fundamente bewusst werden, auf die wir uns stützen. Eine solche Beobachtung darf allerdings nicht eine rein theoretische Angelegenheit sein, wir müssen Praktiker werden und uns direkt und sorgfältig von Augenblick zu Augenblick beobachten. Wenn man anfängt, das eigene innere Elend und die eigene Nichtigkeit zu erkennen, wenn man den Größenwahn aufgibt und die Wertlosigkeit von Titeln, Ehren und eitler Überlegenheit gegenüber unseren Nächsten durchschaut, gilt das als ein sicheres Zeichen, dass man anfängt sich zu ändern. Man kann sich nicht ändern, solange man sich an „mein Haus“, „mein Geld“, „meine Güter“, „meine Stellung“, „meine Tugenden“, „meine intellektuellen und künstlerischen Fähigkeiten“, „meine Kenntnisse“, „mein Ansehen“ und so weiter klammert. Die Tatsache, dass man sich an „mein“, „das Meine“ klammert, ist Grund genug, die eigene Nichtigkeit und unser inneres Elend nicht zu erkennen. Beobachtet man das grausame Schauspiel eines Brandes oder eines Schiffbruchs, sieht man mit Erstaunen wie verzweifelte Menschen oft an lächerlichen Gegenständen oder an Dingen ohne Bedeutung hängen. Arme Menschen! Sie fühlen, als ob diese Dinge ein Teil von ihnen wäre, sie stützen sich auf Dummheiten, hängen an absolut unwichtigen Sachen. Sich auf Grund der äußeren Dinge wichtig zu fühlen, sich darauf zu stützen, bedeutet sich im Zustand des völligen Unbewusstseins zu befinden. Das Gefühl des Seins (das Wahre Sein) ist nur möglich durch Auflösung aller Ichs in uns. Ohne deren Elimination ist ein Gefühl des Wahren Seins unmöglich. Jene, die das Ich anbeten, akzeptieren leider diese Tatsache nicht. Sie halten sich für Götter, sie wähnen, jene „himmlischen Körper“, von denen Paulus von Tarsus sprach schon zu besitzen und nehmen an, das Ich sei göttlich - und niemand kann sie vom Gegenteil überzeugen. Mit solchen Leuten kann man nichts anfangen, man erklärt ihnen alles und sie verstehen dennoch nicht; sie halten hartnäckig am Sand fest, auf dem sie ihr Haus gebaut haben, bleiben in ihren Dogmen, ihren Launen und ihren Torheiten gefangen ... Wenn solche Menschen ernsthaft sich selbst beobachteten, würden sie die Lehre vom pluralen Ich selbst entdecken, würden sie in sich selbst die ganze Vielfalt der Personen oder Ichs erkennen, die in unserem Inneren wohnen. Wie könnte in uns das wirkliche Gefühl unseres Wahren Seins bestehen, wo es doch die Ichs sind, die für uns empfinden, für uns denken? Das Schlimmste dieser Tragödie ist, dass man glaubt zu denken oder zu fühlen, während in Wirklichkeit jemand anders in einem bestimmten Augenblick mit unserem gequälten Hirn denkt oder mit unserem betrübten Herzen fühlt. Wir Armen! Wie oft glauben wir zu lieben, dabei benützt ein anderer in uns, voller Wollust, unser Herzzentrum! Wir Unglücklichen verwechseln die tierische Leidenschaft mit der Liebe; nichtsdestoweniger ist es jemand anderes in uns, in unserer Persönlichkeit, der diese Verwirrung durchlebt. Wir alle glauben, dass wir nie die Worte des Pharisäers des biblischen Gleichnisses sprechen würden: „Ich danke Dir, Gott, dass ich nicht so bin, wie die anderen Leute“ und so weiter ... Trotzdem handeln wir täglich so, ob wir es glauben wollen oder nicht. Der Fleischverkäufer auf dem Markt sagt: „Ich bin nicht so wie die anderen, die Fleisch von schlechter Qualität verkaufen und so die Leute betrügen“. Der Stoffhändler im Laden verkündet: „Ich bin nicht wie andere Händler, die falsch messen und auf diese Weise reich geworden sind“. Die Hausfrau sagt während des Besuchs: „Ich bin nicht wie jene Frau, die mit anderen Männern geht ‑ ich bin Gott sei Dank eine anständige Frau und meinem Manne treu“. Der Milchverkäufer versichert: „Ich bin nicht wie die anderen Milchverkäufer, die mit Wasser die Milch verdünnen - ich bin ganz ehrlich“. Daraus ergibt sich als logische Folgerung: Die anderen sind gemein, ungerecht, Ehebrecher, Diebe, Verdorbene, während wir selbst ein „weißes Schaf“, ja fast Heilige sind, wert, in einer Kirche verehrt zu werden! Wie töricht sind wir doch! Oft glauben wir, dass wir nie so dumm und so lasterhaft sein könnten wie die anderen Leute und aus diesem Grunde folgern wir, dass wir großartige Menschen sind - aber leider nehmen wir die Dummheiten und Gemeinheiten nicht wahr, die wir selbst begehen. Es gibt im Leben oft eigenartige Momente, wo der Geist frei von irgendwelchen Sorgen ruht ‑ und wenn der Geist in Ruhe ist, dann kommt das Neue. In solchen Augenblicken kann man erkennen, auf welche Basis, auf welches Fundament man sich stützt. Wenn sich der Geist in tiefer innerer Ruhe befindet, können wir die raue Wirklichkeit selbst erkennen, den Sand des Lebens, auf dem wir unser Haus gebaut haben. Samael Aun Weor Kap. 27, Revolutionäre Psychologie